Geschichten aus der Erdbeerbude I

Aktualisiert: 16. Aug.
Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich immer mal wieder an einer Erdbeerbude anzutreffen. Auf eine besondere Weise gefällt es mir sehr, denn es bietet eine schöne Abwechslung zu meinem sonst so kreativen und eher kopflastigen Arbeitsalltag. Beim Erdbeerverkauf gibt es eine Handvoll klar definierter Tätigkeiten, eine wunderbare Aussicht und meistens gut gelaunte Menschen. An sich ist es eine simple Arbeit, die Herausforderung dabei ist manchmal der Kundenkontakt. Es gibt sehr viele
unterschiedliche Charaktere. Manche sind etwas griesgrämig, manche pingelig, andere sogar etwas dreist. Aber der allergrößte Teil ist sehr freundlich und nett.
Wir Menschen neigen ja dazu, dass wir uns eher auf das Negative fokussieren und das Positive gerne mal übersehen. Daher möchte ich von zwei Erfahrungen berichten, die für mich alle negativen Erlebnisse ausgleichen.
Zu Beginn der Saison bestellte ein älterer Herr zwei Schalen und sagte zu mir: „Tun Sie mal zwei
Erdbeeren mehr drauf“. Es breitete sich direkt Skepsis und ein wenig Genervtheit in mir aus. Was
ist das denn schon wieder für ein frecher Typ? Früher hätte mir die Schlagfertigkeit gefehlt, auf
solch eine Aussage zu kontern. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mir nicht so auf der Nase
herumtanzen zu lassen. Neckisch fragte ich erstmal: „Warum?“. Er grinste und holte ein Bündel
Armbänder aus seiner Jackentasche. "Suchen Sie sich gerne eins aus“ sagte er „das mit den
Erdbeeren war nur Quatsch.“ Die Situation verwirrte mich, und es fühlte sich an, als würden meine
Wangen ein wenig rot werden. Mit etwas so Nettem hätte ich nicht gerechnet.
Er erzählte mir, dass er abends beim Fernsehen gerne Armbänder bastelt. Aus vielen bunten
Perlen entstehen dabei kleine Geschenke, die er anschließend an fremde Menschen verteilt. Eine abwegige Geste, wer hat denn heute noch etwas zu verschenken? Irgendwie inspirierte es mich jedoch sehr und dieses kleine Geschenk einer fremden Person hat mir den ganzen Tag versüßt. Immer wenn ich das Armband trage, erinnert es mich nun daran, vielleicht doch erstmal offen und
ein wenig optimistischer zu sein.
Die zweite positive Erfahrung entstand ebenfalls im Gespräch mit einem älteren Herrn. Erst durch
Zufall stellte sich heraus, dass ich mit dem Gründer der Junior-Uni, Ernst-Andreas Ziegler, sprach.
Neben diesem spannenden Fakt erfuhr ich, dass er auch als Autor und Journalist arbeitet und sicher viel erlebt hat. Seine Persönlichkeit wirkte sehr interessant auf mich und ließ eine schöne Geschichte erahnen. Es war jedoch spürbar, dass ihm große Bewunderung und Aufmerksamkeit nicht besonders gefiel. Dennoch war meine Neugier schließlich stark genug, nach einem kurzen Interview zu fragen. Er stimmte zu und wir verabredeten uns für ein kurzes Gespräch.
Es ist schwierig, unsere Unterhaltung in diesem Kontext kurz zusammenzufassen. Aber besonders im Kopf geblieben ist mir eine schöne Geschichte, die hinter seiner Vorliebe für die Suche nach vierblättrigen Kleeblättern steckt. Sie handelt von einer Reise mit zwei Freunden durch die Wüste, in der es darum geht, dass es sich lohnt, auch auf kleine Veränderungen zu achten. Und mal ehrlich, wer achtet heutzutage bei einem Spaziergang noch auf kleine Details wie vierblättrige Kleeblätter? Das finde ich richtig schade. Wie häufig übersehen wir durch unseren stressigen Alltag die ganzen Kleinigkeiten, die manchmal doch eine große Bedeutung haben? Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich Herr Zieglers Geschichte so fasziniert hat. Sie zeigt eine Haltung, die ihn bis heute auszeichnet: die Fähigkeit, neugierig zu bleiben und die Welt mit offenen Augen zu betrachten.
Selbst mit 87 Jahren hat er noch einen ausgeprägten Schöpferdrang, mit dem er sich unermüdlich
für die Gesellschaft engagiert. Als wir darüber redeten, dass Alter nicht gleich Weisheit bedeutet,
sagte er: „Es gibt auch alte Dummköpfe, die nichts durch das Leben gelernt haben. Wer im Alter
pessimistisch wird, kann für das Allgemeinwohl und für andere Menschen nichts mehr beitragen.“
Ich denke, dass er mit dieser Aussage absolut recht hat und finde, dass wir mit mehr Neugierde
und Optimismus durch den Alltag gehen sollten.
Der zweite Teil kommt in den nächsten Monaten. Aktuell bin ich mitten in der Hochzeitssaison und habe noch ein paar andere Projekte parallel zu bearbeiten :)

